Forschung & Strategie
Silber im Fokus: Strategische Neubewertung und Marktpotenzial
10.11.2025

Einleitung
Themen in diesem Newsletter
Einleitung
Silber: Doppelte Funktion mit strategischem Gewicht
Industrielle Relevanz: Ein Metall ohne Ersatz
Doppelfunktion als Stabilitätsanker
Politische und wirtschaftliche Folgen
Marktausblick: Fundamentale Unterstützung bleibt robust
Risiken und Unsicherheiten bleiben bestehen
Fazit
Die Entscheidung Washingtons, Silber offiziell in die „Critical Minerals List" der Vereinigten Staaten aufzunehmen, markiert einen bedeutsamen Meilenstein für das Edelmetall. Damit wird Silber - neben Lithium, Uran und Seltenen Erden – nicht länger nur als Rohstoff, sondern als Ressource von nationaler wirtschaftlicher und strategischer Relevanz betrachtet. Diese Neubewertung eröffnet den Weg zu einer verstärkten staatlichen Förderung des heimischen Bergbaus, zu Subventionen, strategischen Lagerbeständen und einem Ausbau der Raffinationskapazitäten. In einem bereits defizitären Marktumfeld könnte ein koordiniertes Vorratsaufbauprogramm – sowohl seitens öffentlicher als auch privater Akteure - die Anspannung an den Märkten zusätzlich erhöhen und die Preisentwicklung nach oben unterstützen.

Grafik 1: XAG/USD Kursentwicklung. Silber (USD), 50-Tage gleitender Durchschnitt, 200-Tage gleitender Durchschnitt. Quelle: LGT, Bloomberg
Silber: Doppelte Funktion mit strategischem Gewicht
Die Aufnahme von Silber in die US-Liste kritischer Mineralien im November 2025 verdeutlicht den veränderten Blick der Politik auf Rohstoffe, die als Grundlage moderner Industrien gelten. Der überarbeitete Ansatz des US Geological Survey analysiert dabei hunderte Branchen anhand von Störungsszenarien und bewertet die Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkungen möglicher Angebotsschocks.
In dieser Bewertung sticht Silber hervor – einerseits als unverzichtbarer industrieller Werkstoff, andererseits als klassischer sicherer Hafen im Edelmetallsektor. Diese Doppelfunktion erklärt, warum politische Entscheidungsträger Silber nun als strategisches Gut einstufen und warum Marktteilnehmer zunehmend von einer strukturellen Preisunterstützung ausgehen.
Industrielle Relevanz: Ein Metall ohne Ersatz
Silber überzeugt durch seine physikalischen Eigenschaften: Es ist der leitfähigste elektrische Leiter, stark reflektierend und natürlich antimikrobiell. Solche Kombinationen sind in Hightech-Anwendungen kaum zu substituieren. In der Realwirtschaft ist Silber unverzichtbar – in Elektronik, Automobilsystemen, Medizintechnik und insbesondere in Photovoltaikzellen. Allein Solaranlagen absorbieren jährlich fast 200 Millionen Unzen, während die Gesamtnachfrage ein historisches Hoch erreicht hat. Das primäre Minenangebot wächst nur moderat, und auch das Recycling kann die Lücke zwischen Angebot und Verbrauch nicht vollständig schließen. So entsteht ein strukturelles Defizit, das angesichts der engen Verbindung Silbers mit Energiewende und Digitalisierung von zentraler Bedeutung ist.
Doppelfunktion als Stabilitätsanker
Neben seiner industriellen Rolle fungiert Silber auch als Finanzmetall. Es bewegt sich häufig im Gleichklang mit Gold, wenn Anleger Schutz vor Inflation, Währungsabwertung oder geopolitischer Unsicherheit suchen. Zentralbanken kaufen seit Jahren kontinuierlich Gold, was die Preise stabilisiert. Silber profitiert indirekt von dieser Dynamik. Die Verbindung aus industrieller Basisnachfrage und investorischer Absicherung sorgt dafür, dass die Gesamtnachfrage über Konjunkturzyklen hinweg widerstandsfähiger bleibt.
Politische und wirtschaftliche Folgen
Die neue Einstufung als „kritisches Mineral" dürfte auch die Handelspolitik und Beschaffungsstrategien beeinflussen - insbesondere angesichts der hohen Importabhängigkeit und der Konzentration der Raffination. Unternehmen, die Silber bislang als Routine-Rohstoff betrachteten, könnten nun stärker auf Lieferantendiversifizierung, Materialeffizienz und Recycling aus Alt-Elektronik oder Solarmodulen setzen. Politik und Industrie erhalten damit konkretere Anreize, um Engpässe und „Single Points of Failure" in den Lieferketten zu identifizieren und abzumildern. Zwar entstehen dadurch kurzfristig keine zusätzlichen Mengen, doch langfristig sinkt die Strukturanfälligkeit des Marktes - und damit das Risiko extremer Preisschwankungen.
Marktausblick: Fundamentale Unterstützung bleibt robust
Silber ist zwar traditionell volatiler als Gold und reagiert zeitversetzt auf Marktimpulse, doch die fundamentale Basis wirkt heute stabiler als in früheren Zyklen.
Die industrielle Nachfrage bleibt stark, vor allem aus Solar- und Elektronikindustrie.
Die Anlegernachfrage reagiert sensibel auf makroökonomische Rahmenbedingungen.
Und die politische Anerkennung als strategischer Rohstoff fügt eine neue, strukturelle Stütze hinzu.
Diese Kombination macht tiefe oder langanhaltende Rückschläge weniger wahrscheinlich. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Preisziel von rund USD 50 pro Unze in sechs Monaten und USD 52 in zwölf Monaten realistisch – gestützt durch knappe Fundamentaldaten und zunehmende politische Rückendeckung.
Risiken und Unsicherheiten bleiben bestehen
Trotz der positiven strukturellen Tendenzen bleibt Vorsicht geboten. Die Substitution hochwertiger Anwendungen ist technisch schwierig, aber punktuell denkbar. Minenprojekte benötigen Jahre bis zur Produktionsreife, und auch das Recycling muss skaliert werden. Handelsmassnahmen können die Ströme unvorhersehbar verändern. Diese Faktoren sprechen für kontinuierliche Marktbeobachtung, nicht für einen Bruch mit der übergeordneten These.
Silber wird heute klar als unverzichtbares Element zentraler Wirtschaftssektoren gesehen, gleichzeitig gilt seine Lieferkette als anfällig genug, um politische Aufmerksamkeit zu rechtfertigen. Dies garantiert kein „ruhiges Fahrwasser", signalisiert jedoch eine neue Ära, in der Materialien für Elektrifizierung, Gesundheit und Digitalisierung als strategische Vermögenswerte verstanden werden.
Fazit
Die Aufnahme von Silber in die US-Liste kritischer Mineralien bestätigt, was die Industrie längst wusste: Silber ist nicht nur nützlich – es ist essenziell.
Die Doppelrolle des Metalls als industrielles Rückgrat und sicherer Hafen stärkt die Marktstruktur in Zeiten politischer und geopolitischer Unsicherheit. Angesichts anhaltender Angebotsdefizite und einer politikgetriebenen Fokussierung auf Versorgungssicherheit dürfte Silber künftig auf einer festeren, strukturell unterstützten Basis handeln – als Bindeglied zwischen Tradition und moderner Technologie.